







Ein Freudentag
Das war ein Tag der Freude – Jom ha simcha – der doppelten Freude, ein ganz einmaliges Ereignis in unserer Gemeinde!
Am 7. Juni 2008, dem 4. Siwan 5768 - zwei Tage vor Shavuoth -feierten wir die Einweihung unserer neuen Thora-Rolle – ein Geschenk des Jewish Commitee, die uns am 12. März feierlich übergeben wurde – und eine Bar/ und Bath Mitzwah für Erwachsene.
Eine Bar Mitzwah für Erwachsene? Ja, Sie haben richtig gelesen!
Rabbiner Edward van Voolen, der unsere Gemeinde mit so viel Enthusiasmus und Einfallsreichtum begleitet, hatte diese Idee bei einem Schiur, im Gespräch über jüdische Feste. Auf seine Frage, wer von uns keine Bar Miztwah in seiner Jugend feiern konnte, meldeten sich so viele Mitglieder, dass er spontan ausrief, das müssten wir nachholen!
Seine Begeisterung übertrug sich, und Edward van Voolen plante sofort das Vorgehen, wies uns in die Grundprinzipien der hebräischen Schrift ein, schickte uns die Teile des Wochenabschnittes, die wir in hebräischer Sprache lesen und üben sollten, hörte uns ab, verbesserte und ermutigte uns. Intensiv bereiteten sich die Probanden auf das Ereignis vor.
Viele Vorbereitungen wurden auch für den Empfang der Thora-Rolle getroffen. Ein Thora-Schrank musste beschafft werden und eine Chupa, ein Baldachin, um die Rolle im gebotenen Ritus in die Synagoge zu bringen.
Der sonst so karge Raum im ehemaligen Jüdischen Krankenhaus erhielt eine festliche Atmosphäre, und am Tag der Feier füllten ihn nicht nur Mitglieder der Gemeinde, sondern auch viele Freunde und Verwandte der „Kandidaten“ mit fröhlicher, gespannter Erwartung.
Feierlich wird die Thora-Rolle vom Vorsitzenden der Gemeinde, Felix Epstein und seiner Tochter Katharina unter der Chupa, gehalten von vier Gemeindemitgliedern, in den Raum getragen, geleitet von den hierfür vorgesehenen Segenssprüchen, und mit ehrfürchtigem, freudigem Schweigen begleitet von der Gemeinde. Von Michael Nüssen von der Kultuskommission herumgetragen, kann dann jeder sie berühren und ihre Nähe spüren, bis sie feierlich in den neuen Schrank gehoben wird.
Der erste richtige Schacharit-Gottesdienst in unserer jungen Gemeinde beginnt, denn nur mit einer „echten“ handgeschriebenen Thora ist dieser Schabbat-Morgen-Gottesdienst möglich. Der Rabbiner stimmt die Gebete und Segenssprüche an, und die Gemeinde fällt mit hörbarer Begeisterung ein. Einfühlsam und temperamentvoll begleiten Gala Jarkova und Sabine Bielfeldt den Gesang auf dem Klavier und auf der Flöte.
Und dann kommt der Höhepunkt dieses festlichen Gottesdienstes: Zum ersten Mal wird in unserer Gemeinde aus einer Thora-Rolle gelesen. Die Aspiranten, die ihre Abschnitte mit Einsatz und Geduld geübt haben, dürfen nun den Text direkt aus der Rolle, lesen. Mit dem Jad, der silbernen Hand, zeigt ihnen der Rabbiner die Stelle, an der sie beginnen müssen. Die Aufregung überträgt sich auf uns alle, und der Rabbiner verfolgt die Lesung jedes einzelnen mit großer Aufmerksamkeit und sichtlich berührt. Alle lesen mit höchster Konzentration ihren Teil des uralten hebräischen Textes aus dem Wochenabschnitt, und nach jeder Lesung stimmt die Gemeinde begeistert das Lied „Siman tow we massel tow“ an, klatscht und jubelt. Erleichterung und eine unbändige Freude erfüllt uns. Bewegende, mitreißende Momente!
Ernst wurde es, als jeder der Probanden nach dem Lesen ein paar Worte zu seinem Text und zu seinem persönlichen Bezug zu dem gelesenen Abschnitt spricht. Da ist die Rede von verbotenem jüdischen Leben in der ehem. Sowjet-Union, von dem wunderbaren Gefühl, in der neuen Heimat angekommen zu sein, das Judentum hier frei leben zu können; von der Verfolgung im eigenen Land und den Schrecken des Verstecktseins, von dem Aufgenommensein in der „Familie“ des Judentums, von dem Wunsch, diese Gemeinde fördern und ihren Aufbau unterstützen zu können, hier ein „Zuhause“ gefunden zu haben.
Der einfache Raum in der Simon-von-Utrecht-Straße verändert sich, ist erfüllt von Freude und Musik, und von dem tiefen Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Der Gottesdienst geht zu Ende und, wie bei uns Juden üblich, wird nun fröhlich gegessen und getrunken. Ein reiches Buffet erwartet uns, und wir finden uns entspannt bei den leiblichen Genüssen zusammen. Jeder, ob Mitglied oder Gast empfindet, dass sich hier etwas ereignet hat, was uns alle noch enger zusammenbindet, uns, unsere Freunde und vor allem unseren verehrten Rabbiner Edward van Voolen, dem unser herzlicher Dank gilt: für sein Mitfühlen, seine Begeisterung, und sein unermüdliches Engagement für unsere Gemeinde.
Annelie Cohn
Hamburg, im Juni 2008
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